24. Apr, 2016

Mein schönstes Arzterlebnis

Mit meinem letzten Blog habe ich vielleicht den Eindruck erweckt, dass das Landarztleben nur aus Stress und Bürokratie besteht. Für die verständnisvollen mündlichen und schriftlichen Kommentare bedanke ich mich 🙂.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Als Landarzt bin ich nahe am Menschen, und ich habe wie kaum ein anderer das Vorrecht, Freude und Leid hautnah mitzuerleben. Stress ist nicht nur negativ, es gibt auch positiven Stress, "Eustress" genannt, das sind Herausforderungen, deren Bewältigung einen aufbauen.

Es war das Jahr 2002, ein kalter sonniger Freitagmorgen. Gegen 6 Uhr erhielt ich einen Anruf aus einem nahen Dorf in Unterfranken: "Hilfe, meine Tochter bekommt ein Kind !" Ich kenne die Familie gut, und an der 16-jährigen Tochter war kaum jemandem etwas aufgefallen. Aber nun bekam sie zu Hause ein Baby, obwohl sie an keiner einzigen Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchung teilgenommen hatte. Ich fuhr sofort hin, und als ich das Haus betrat, war das kleine Mädchen schon da, gesund aber etwas unterkühlt. Praktische Erfahrung mit Geburten hatte ich nur mit meinen eigenen 3 Töchtern gesammelt und bei diversen Kaiserschnitten im Op. Wir unterbanden die Nabelschnur mit einem Bindfaden. Glücklicherweise kannte ich eine Hebamme im Nachbardorf. Wir riefen sie an, und innerhalb von 10 Minuten kam sie zu Hilfe und betreute die 16-jährige bei der Nachgeburt. Mutter und Kind ging es gut, beide sollten sich im  Bett so gut es ging wärmen. Aber dann sank der Puls des Säuglings auf 100 pro Minute, ich wusste, das war für einen so kleinen Menschen zu wenig, und so alarmierten wir noch den Kindernotarzt. Es kamen zwei "Rettungswägen", wie man in Franken sagt: Einer für die junge Mutter und einer mit Brutkasten für das winzige Mädchen. Nun hatte der frisch gebackene Großvater noch ein Problem: Meine Tochter muß zur Arbeit. Also rief ich den Ausbildungbetrieb, eine Bäckerei an: "Die XY kann heute nicht zur Arbeit kommen." Rückfrage: "Ist sie denn krank ?" Ich antwortete: "Krank nicht direkt, aber arbeitsunfähig. Wir schicken eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung." Dann tranken die neuen Großeltern mit mir zusammen in der Küche noch eine Tasse Kaffee, bis ich wieder zur Sprechstunde nach Gemünda aufbrach.

Die 2002 zu Hause geborene junge Frau mit dem einzigartigen Geburtsort hat sich hervorragend entwickelt und besucht heute das Gymnasium. 

Andere schöne Erlebnisse hatte ich, wenn ich buchstäblich Leben retten konnte. Einige Jahre später, ich war gerade beim Abendessen, erhielt ich folgenden Anruf: "Notfall in Dietersdorf. Kreislaufkollaps nach Wespenstich". Ich wusste sofort: Das kann ein lebensbedrohlicher anaphylaktischer Schock sein. Zum Glück erinnerte ich mich, dass die Hauptstraße nach Dietersdorf gesperrt war wegen Bauarbeiten. Ich nahm den Feldweg und war innerhalb von 8 Minuten bei dem am Boden liegenden jungen Mann, um ihn herum Frau und mehrere kleine Kinder. Puls schnell, Blutdruck niedrig, Bewußtsein getrübt. Habe sofort eine Infusion aus meiner Notfalltasche geholt und angelegt, 250 mg Prednisolon gespritzt. Die Kinder haben wir ins Kinderzimmer geschickt, die Frau durfte die Infusion halten, bis nach 10 Minuten der Notarzt kam, mein Freund Martin Lücke aus Coburg. Dieser nahm mit Hilfe seiner Rettungsassistenten den inzwischen kreislaufstabilen Patienten mit ins Klinikum, nachdem er mir ein besonderes Präsent überreicht hatte: Eine Ampulle hochdosiertes Prednisolon für meinen Notfallkoffer.

Gern würde ich auch noch über mein schaurigstes Erlebnis berichten, eine Leichenschau im Auftrag der Kriminalpolizei Coburg, bei der ich einen dieser hellen Ganzkörperanzüge tragen durfte, wie man sie von Kriminaltechnikern aus entsprechenden Filmen kennt. Aber mit Rücksicht auf die Hinterbliebenen, die an Hand von Details identifiziert werden könnten, verzichte ich darauf. 

Landarzt ist auf jeden Fall ein vielseitiger und spannender Beruf. Aber auch kräftezehrend und nicht unbegrenzt ausübbar. Denn ich bin nur ein Mensch, ein Arzt mit Grenzen. Obwohl ich die "Ärzte ohne Grenzen" sehr schätze und unterstütze. Aber der Name der Organisation bezieht sich auf Staatsgrenzen.