25. Mrz, 2016

Warum der Landarzt nicht mehr klingelt

Das Besondere am Landarzt ist, dass er im Notfall und bei fehlender Transportfähigkeit des Patienten auch ins Haus kommt. Um ins Haus zu gelangen, muss der Arzt wie jeder andere Dienstleister, z.B. der Postbote, an der Tür klingeln. Meistens wohnt der Landarzt auch im Dorf, denn im vorigen Jahrhundert galt die "Residenzpflicht", das heisst der Arzt musste in der Nähe seiner Praxis wohnen - heute nicht mehr. Das Landleben ist aus meiner Sicht als Arzt eine zweischneidige Sache: Man steht unter intensiver sozialer Beobachtung, da man einen gewissen Prominentenstatus hat. Von den meisten wird der Arzt freundlich gegrüsst, aber es gibt auch diejenigen, die aus irgendwelchen Gründen den Arzt nicht mögen, die schauen dann weg und tun so, als ob sie ihn nicht kennen. Nicht zu vergessen die Gerüchte, die sich bei tatsächlichen und vermeintlichen Veränderungen in der Praxis wie ein Lauffeuer verbreiten. Es gibt natürlich auch positives Reden, wenn Patienten gute Erfahrungen mit dem Arzt gemacht haben, tragen sie zum guten Ruf der Praxis bei. Leider gibt es aber auch das Gegenteil, den Rufmord - Mord natürlich im übertragenen Sinne, es geht ja "nur" um die wirtschaftliche Existenz des Betroffenen.

Manchmal klingelt es beim Landarzt, nicht in der Kasse, sondern an der Haustür, wenn der Arzt freies Wochenende hat, er ist ja nur noch 8x im Jahr zum Notdienst in Stadt und Landkreis Coburg eingeteilt. Als ich noch jünger war, habe ich fast alle außerplanmäßigen Wochenend- und Nachtbehandlungen bereitwillig durchgeführt, denn ich glaubte, ich müsste meinen Patienten diesen Service bieten. Mit der Zeit merkte ich aber, dass ich die freien Wochenenden dringend für mich selbst und meine Familie benötigte, um mich zu erholen und für die anstrengende Arbeit in der Woche zu regenerieren. Und manche Patienten waren trotz geleisteter Hilfe unzufrieden, da ich in meiner Freizeit manchmal nicht die nötige Arbeitsfreude zeigte, und ich sah sie dann nie wieder in meiner Sprechstunde. Andererseits erinnere ich mich an einige Notfalleinsätze, bei denen ich Leben retten konnte, und das habe ich wirklich gern getan, da hat es mir Freude gemacht zu helfen.

Wenn ich als fast 60-Jähriger nun darüber klage, dass ich gern die Arbeitszeit meiner 60-Stunden-Woche reduzieren möchte, da das Überstrapazieren meiner Kräfte gesundheitsschädlich ist, höre ich manchmal, dass meine Sprechstunden nicht mehr so lang sind wie früher. Ja, richtig, und die Sprechstunden sind nur die Hälfte der Zeit, die ein selbständiger Arzt für seine Arbeit benötigt. Hinzu kommen Betriebsverwaltung, Personalgespräche auf Grund der Fürsorgepflicht als Arbeitgeber und ein ungeheures Ausmass an Verwaltungsbürokratie. Ich habe in den letzten Jahren viele Stunden meiner kostbaren Lebenszeit dafür verwendet, um aus meiner Sicht notwendige Verordnungen von Medikamenten und Massagen vor den Krankenkassen zu rechtfertigen, damit ich teils fünfstelligen Strafzahlungen, genannt Regresse, abwehren konnte. Aus historischen Gründen - vor 20 Jahren wurden aus einer Doppel-Gemeinschaftspraxis 3 selbständige Konkurrenzpraxen - habe ich meistens die Patienten mit überdurchschnittlichem Versorgungs- und Verordnungsbedarf behandelt, und das hat mir dann die zeitraubenden Wirtschaftlichkeitsprüfungen beschert. Mein Ziel als Landarzt war nie, grosse Reichtümer anzuhäufen - das geht in diesem Beruf sowieso nicht - sondern ich wollte die mit der beruflichen Selbständigkeit eingegangenen finanziellen Verpflichtungen abtragen und trotzdem leben.

Ich stelle fest, dass junge Ärztinnen und Ärzte nicht mehr so wie ich als Einzelkämpfer und Dorfarzt leben wollen. Die neuen Ärztinnen und Ärzte der sogenannten Generation Y wollen auch keine Reichtümer anhäufen, aber sie wollen leben, Zeit für Familie und Freundschaften, vielleicht ein Hobby. Diese Arbeitsbedingungen lassen sich wohl nur in einer überörtlichen Zusammenarbeit von mehreren Ärztinnen und Ärzten, von denen manche Teilzeit arbeiten, in einem übergeordneten Zentrum mit Zweigpraxen verwirklichen. Dann hat eben nicht mehr jedes Dorf seinen eigenen Arzt, der dem Arzt des Nachbardorfes Konkurrenz macht, sondern die medizinische Versorgung ist mehr zentralisiert und kooperativ. Und der Arzt der Zukunft wohnt in der Stadt, arbeitet aber auf dem Land. Auch im neuen System kann der Patient seinen Lieblingsarzt aussuchen, aber dieser ist nicht immer und überall erreichbar.

Die jungen Ärzte haben recht. Es gibt ein Leben nach der Praxis. Wenn ich einfach wie bisher weitermache, zögere ich den unvermeidlichen Umbau der medizinischen Versorgung auf dem Land nur um einige Jahre hinaus, und am Ende bin ich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage, meiner anderen Berufung, die ich neben dem Arztberuf habe, zu folgen.

So weit einige persönliche Gedanken und Gründe, warum ich nach immerhin 20 Jahren nicht mehr auf dem Land leben möchte.                               Von Dr. Stefan Hänisch.